Juryentscheid

für die ausgewählten Stücke 2020


Raus bist du noch lange nicht

theater monteure
Köln / Nordrhein-Westfalen

Mit „raus bist du noch lange nicht“ lädt theater monteure ein, Theater zu erleben; einzeln und persönlich, aber gleichzeitig auch gemeinsam in der Gruppe. Bereits die Bühnensituation ist besonders: Indem die zentrale Spielfläche in alle vier Himmelsrichtungen von Sitzbänken umrandet wird, entsteht eine Arena, aus der heraus die beiden Darsteller*innen das Publikum anspielen.Im Zentrum des Raums gelingt es Karoline von Lüdinghausen und Joachim von der Heiden ein wahres Feuerwerk an spielerischen Attraktionen zu zünden. Was hierbei entsteht, ist ein mitreißendes und dynamisches Schau-Spiel, das alle Anwesenden packt. Leichtfüßig werden wir auf eine Entdeckungsreise mitgenommen, die zunächst mit einer Erkundung der Raum- und Sitzsituation beginnt, dann das Publikum mit einbezieht und schließlich revueartig unterschiedlichste Spielsituationen zur Schau stellt. In schnellen Wechseln wird erkundet, was es zum Glücklichsein bedarf, wie die Welt auf den Kopf gestellt werden kann oder was einen Held / eine Heldin ausmacht. Doch hiermit nicht genug. Das Tolle ist: Permanent sind Alle dazu aufgerufen sich durch Reinrufen oder Mitmachen einzubringen.
Am Ende des Stücks haben die Teilnehmenden nicht nur ein wahnsinnig unterhaltsames Theatererlebnis gehabt. Nein, sie wissen auch, welches der anwesenden Kinder später gerne Lehrer*in, Fußballer*in, Astronaut*in, FBI-Agent*in oder Erfinder*in werden möchte. Aber das Entscheidende ist, dass sie Theaterschauen als freudvollen Prozess der Koproduktion erfahren durften. 
„raus bist du noch lange nicht“ interpretiert Theater als Erlebnis, Begegnung und soziales Miteinander. Toll!

JT

drunter & drüber

Theater Lakritz
Darmstadt / Hessen

Bin ich gleich eine Clownin, ein Clown, wenn ich mir eine rote Nase aufsetzte? Ja – nein – ja, ja – nein! Wer hat Recht? Ich! Nein ich! – Nein ich! – Nein ich!! Das Rechthabenwollen fängt schon früh bei den kleinen Menschen an und hört bis ins Alter nicht auf. 
Eine gute Idee, das Kinderbuch darüber von Jörg Wolfradt auf die Bühne zu bringen, das Thema sinnlich und konkret zu machen, es aus der reinen verbalen Konfrontation heraus in lustvolle theatrale Situationen zu bringen.
Mit zwei roten Nasen tun das die beiden Figuren auf der Bühne, keine Clowns in herkömmlichem Sinn – dabei mit musikalischen Einlagen, sehr körperlich unterwegs, da macht den Kindern großen Spaß!
Natürlich geraten sie aneinander, das bleibt nicht aus, wenn man sich nicht einigen kann oder will, z.B. bei der Frage ob es besser ist, wenn die Bühne voll oder leer bleiben soll. Ob Raum zum Tanzen, Springen, Rennen besser wäre oder alles voller Gegenstände besser ist, um damit spielen zu können. Die eine hat Lust auf Tanzen, die anderen auf die Klötze – sie argumentieren, sie tricksen sich aus, sie bekämpfen sich, bis es nur noch um Rechthaben geht, keine Fakten mehr, es geht nicht mehr um den Gegenstand, nur noch um Macht. Das wird in den verschiedensten Variationen mit viel Humor durchgespielt und die Kinder in Publikum erkennen diese Situationen, erkennen sich selber dabei.
Am Ende finden die beiden mit den roten Nasen die Mitte zwischen oben und unten, die Kompromisse, lassen beides gelten. Mal braucht es die Leere, mal ganz Vieles auf der Bühne oder sonst wo. Das öffnet Horizonte, kommt ohne erhobenem Zeigefinger daher und lädt auf die Bühne ein zum Nachspiel.
Die Bühne: Ein runder Teppich, fast eine kleine Arena, ein Hinterhang mit Auftrittsmöglichkeit in der Mitte – kann uns an Zirkus erinnern – oder auch nicht. Als Spielmittel für die Kinder gibt es ganz viele Klötze in allen Größen und Farben und die Einladung auf die Bühne, den Teppich zu kommen um zu bauen, miteinander, zu spielen und sich zu einigen, darüber was besser ist: oben oder unten, voll oder leer.

AS

In 80 Tagen um die Welt

Trotz-Alledem-Theater
Bielefeld / Nordrhein-Westfalen

Jules Vernes verrückte Reise „In 80 Tagen um die Welt“ vom Trotz-Alledem-Theater nennt sich Hörspiel – aber was erleben wir eine Stunde lang?
Eine virtuos erzählende Akteurin, Christina, so heißt sie auch privat, die in unzählige Figuren des Romans steigt, mal fein angedeutet, mal wild, mal drollig oder als coole Charge. Sie nimmt die Zuschauenden mit auf die Reise, sie weiß um die Kunst der Tempi – rast mit dem Zug bei Tempo 150, sanft mit dem Schiff oder lockt uns in die Atmosphäre eines Heißluftballons. 
Vor allem auch ein Hörspiel, weil neben dem Text, eine Unzahl von Geräuschen aus originellen Musikinstrumenten und Dingen zu hören sind, die Klänge von sich geben. Auch das Kazoo fehlt nicht und Ähnliches. Man könnte sagen, sie bebildert den Text mit Sounds, aber nein, das ist eine ganz eigene schöne Ebene, die der Dinge. So entsteht der kleine Kosmos, der unsere Welt sein soll und dann auch wird.
Hüte und Kappen, Spielhaltungen, Dialekte und Akzente sind der Fundus für die Erzählerin Christina, aus dem sie sich für ihre Figuren bedient, was für ein Reichtum. Und die Schnelligkeit der Wechsel verblüfft.

Ein besonderer Höhepunkt ist die Messerschlucker-Szenen, die sie echt im Zirkusbild vorführt. Die die beiden Jungs neben mir im Zuschauerraum so verblüfft, dass sie noch Minuten später rätseln: “Wie macht die das bloß?”
Und die Spannung bleibt, wie im Roman, auch in der Dramatisierung erhalten bis zum Schluss, weil die Wette fast verloren scheint. Sehr empfehlenswert!
AS

Wer sind Sie? Was machen Sie hier!

Faraz Baghaei
Kassel / Hessen

“Wer sind Sie? Was machen Sie hier!” ist Einladung und Angebot zugleich. Einladung, weil die Theaterperformance uns Zuschauer*innen einlädt, in einem offenen Ritual die eigene Biographie, Geschichte, Werte, Glauben und persönliche Rituale der beiden Darsteller Ruzbeh Mirmoayadi und Mohammad Salamat und des Regisseurs Faraz Baghaei zu befragen, deren Familien nach Deutschland migriert sind. Als dahinter stehendes Angebot wird uns ein Assoziationsraum geboten, in dem etablierten Grenzen bewusst überschritten und ins Wanken gebracht werden, um sie mit Spielfreude ad absurdum zu führen. Das daraus resultierende Mischungsverhältnis von geradezu slapstickhafter Parodie, Klischees, privaten Geständnissen, familiären Einblicken, Perspektivverschiebungen und tiefgreifender Ernsthaftigkeit verschafft den Zuschauenden einen wertvollen Erkenntnisgewinn.
Zusätzlich löst auch die Spielsituation die gewohnte Trennung von Bühne und Zuschauer-raum auf, wodurch alle Betrachter*innen viel stärker Teil der Spielhandlung werden. Zum Glück. Denn ohne große Erklärung oder Einführungen werden alle Zuschauer*innen als notwendiger Bestandteil in den Ablauf eingebunden. Zu Beginn noch aktiv, indem alle Zuschauer*innen persönlich begrüßt werden. Am Ende lediglich noch als Zeug*innen einer Art Zeremonie. 
“Wer sind Sie? Was machen Sie hier!” fragt – selbstredend – nicht nach Formen der Zugehörigkeit (zu einer vermeintlichen Mainstream-Gesellschaft). Nein, nach einigen persönlichen und familiären Anekdoten löst sich das Stück in einem unterhaltsamen Wettkampf von Identifikationen mit überzeichneten deutschen Verhaltensweisen auf. 
Die Theaterperformance besticht mit ihrer Leichtigkeit, öffnet Herzen und Horizonte und schafft einen Raum des sozialen Miteinanders.
JT

Un nu?

henß & kaiser
Kassel / Hessen

Wie schwer der Kopf in der Hand auf den Ellbogen gestützt doch wiegt, seufz…
Mit einfachen Mitteln, allein durch Mimik, Bewegung und Stillhalten gelingt es den Tänzerinnen das Gefühl der Langeweile darzustellen.
Was tun? Däumchendrehen, Arme schlenkern, hin- und herdrehen. Was kommt mit der Langeweile? Was kommt nach der Langeweile? Neckereien, Ideen, Spiele und Bewegung! 
Einfaches Armpendeln, kleine Schrittfolgen, Körperbeugungen, Drehungen, rhythmisch und in Wiederholungen dargeboten, lässt die Zuschauenden sich selbst erkennen, lässt sie mitgehen und eröffnet so einen leichten, heiteren Zugang zum Tanzen.

Die Bühne weiß, die Kostüme blau und die einzigen Requisiten – außer einem kleinen Roboter, der nur zu Beginn des Stücks eine Rolle spielt – komplementär orangene, große Luftkissen, die erstaunliche Möglichkeiten eröffnen; darauf lässt sich sitzen, liegen, dahinter lässt sich verstecken, sie lassen sich herumwirbeln, es lässt sich darunter kriechen, sie werden zu Kostümierungen und mit Ihnen lässt sich tanzen, zu ausgesuchter Musik aller Sparten. 
Reichhaltig auch das Bewegungsrepertoire der beiden Tänzerinnen, die dieses geschickt zur Darstellung Ihrer Auseinandersetzungen, ihres Miteinanders und kleiner Szenen einsetzen. Immer wieder begeistert das Zusammenspiel der orangenen Luftkissen mit den in blau gekleideten Tänzerinnen sowohl farblich, als auch was die Breite der Möglichkeiten, und die Verschiedenartigkeit der erzeugten Bilder angeht. Das anfangs Langsame, Zähe, wie die Langeweile sich ebenso anfühlt, nimmt Fahrt auf und erlangt Dynamik. Aus einer Fuge zu zweit entsteht nahtlos ein Solo in dem der Körper scheinbar ein erstaunliches Eigenleben entwickelt, das die Tänzerin mimisch überzeugend, selbst zum Staunen bringt. Eines der Requisiten scheint ein Eigenleben zu haben. Wie eine Riesenraupe kriecht es heran und ist durchaus zugewandt, lässt sich ein, auf Streicheleinheiten, kitzelig ist es auch. Ach, nur eine leere Hülle?! Aber was lässt sich damit alles anstellen! Das wird in einer Abfolge von Quergängen vorgeführt und endet in einer Sequenz, in der aus dem Bühnenhintergrund ein gefräßiges Monster auftaucht, das bei den Älteren im Publikum, mit der dazu passend eingespielten Soundkulisse, Erinnerungen an eine berühmte Figur früher Videospiele erinnert.
Ein dramaturgisch gut gewählter Wechsel zwischen Solo- und Duopartien mit abwechslungsreicher Dynamik, poetisch verspielte, dabei präzise und gut harmonierende Darstellerinnen mit vielen schönen Einfällen und geschicktem Einsatz der wandlungsfähigen Luftkissen, eine fein abgestimmte Musikauswahl und ein einfach gehaltenes, aber wirkungsvolles Lichtdesign, machen das Tanzstück zu einem Erlebnis für ein Publikum jeden Alters
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MK

Nils Holgersson und die Wildgänse

die exen
Neuhaus am Inn / Bayern und Rantzau-Sasel / Schleswig-Holstein

Die Geschichte von Nils Holgersson und seiner Reise mit den Wildgänsen wird von Karin Schmitt mithilfe der Kunst des Handschattenspiels gemeinsam mit Annika Pilstl erzählt und dargestellt. Eine Erzählerin, leicht verschusselt, Typ zerstreuter Professorr, changiert zwischen Schauspiel und Lecture Performance, unterrichtet Erdkunde anhand von Overheadprojektionen, spielt mit kleinen Papierfiguren Szenen auf dem Projektor, die an der Wand – der Projektionsfläche – zu sehen sind, als Bühnenbild dienen und mit den von der anderen Spielerin, wie gewohnt virtuos erzeugten Handschatten in den Dialog treten. Dabei ist für die Zuschauenden dank der offenen Spielweise jederzeit erkennbar, wie die Szenerie erschaffen wird. Ihre Blicke können zwischen dem Herstellungsprozess und dem Produkt, zwischen der Erzeugung der Illusion und dem komponierten Bild hin und her wechseln.
Der Projektor ist Träger von Folien und Fotos, dient aber auch als Lichtquelle für das Handschattenspiel und wird selbst Bühne für dramatischste Szenen. Die beiden Aktricen bleiben bei aller Dynamik wunderbar locker und entspannt. Das Timing ist höchst präzise; es ist faszinierend ihnen dabei zuzuschauen, wie sie die verschiedenen Medien in schnellem Wechsel einsetzen. Mit ihren Stimmen erzeugen die Künstlerinnen erstaunliche Geräuschkulissen – man spürt förmlich das Flattern der aufgescheuchten Gänseschar! Gezielt ergänzen sie Text und Geräusche an ausgesuchten Stellen mit Musik. 
Mit beeindruckender Bühnenpräsenz wird das Abenteuer des auf Daumengröße verzauberten Nils und seiner Hausgans Martin erzählt, stets fesselnd und bezaubernd werden die Zuschauenden auf den großen Flug mit den Wildgänsen mitgenommen.
MK

BALLaden

Künstlerkollektiv Phantasten
Bern / Schweiz

Juryentscheid folgt

König Lindwurm

AGORA
St. Vith / Belgien

In einer Stunde voll feinster Schauspielkunst schlüpft die Spielerin, Viola Streicher, mit wenigen Accessoires, mit wenigen Kostümänderungen von einer Rolle in die nächste. Ob als Königin, König, König Lindwurm, alte Frau, Ritter Rot oder als Schäferstochter erzählt sie mit viel Körpereinsatz und verschmitzter Mimik das nordische Märchen, ein Märchen voller Grausamkeiten und unerwarteter Wendungen.
Dabei gelingt es ihr, mit ihrem Spiel und einer erstaunlich wandlungsfähigen Kiste – mal dient sie als Bett dann als Pferd, auf dem es zu Reitszenen kommt, dann wieder als Bühne für Playmobilfiguren oder auch als Paravan hinter dem die gruselige Hochzeitsnacht erzählt wird – die Geschichte so auszugestalten, dass durchgehend für Spannung gesorgt ist.
Sie bedient sich der Mittel, die Kinder in dieser Altersgruppe selbst für ihre Rollenspiele nutzen und vermag diese, auf feine Art mit unglaublicher Dynamik und großer dramaturgischer Sicherheit so einzusetzen, dass sowohl Jungs als auch Mädchen sich in ihrem Spiel wiederfinden.

Dasselbe gilt auch für ältere Kinder und Jugendliche, auch sie werden den Themen begegnen, die sie gerade bewegen.
Das hervorragende theaterpädagogische Begleitmaterial macht den Besuch der Vorstellung ebenso wie die Vor- und / oder Nachbereitung für Lehrer*innen und Schüler*innen zu einem Erlebnis und Genuss.
Ein rundum empfehlenswertes feines Stück Theater!

MK